Das Schmotzerjahr
Ein Jahr im Leben eines Schmotzers

Ein Jahr im Leben eines Schmotzers

Der Tag eins nach dem Fischertag gehört dem Ausruhen von den Anstrengungen des Vortags und der Erholung vom G’schwätz der Schmotzerkollegen. Irgendwann im Oktober ist es schließlich so weit, dass man sich wieder sehen kann und will. Deshalb ist für diese Zeit meist ein Ausflug in die nähere oder weitere Umgebung geplant. Vielleicht werden auch schon erste Gedanken an den Fischertag verschwendet, aber der ist ja noch weit weg, mindestens neun Monate - wie ein Kind im Mutterleib, von dem man am Anfang ja auch noch nichts sieht.

Im Januar geht unserer Karl-Hans Angerer dann schon etwas schwangerer mit dem Fischertag und lädt zu einem gemütlichen Abend „in da Löa“ ein. Bei einem Paar „Lutherische“ oder einem „A‘batzta“ und einem Schoppen Wein dauert es dann nicht lang und es geht los mit „eigentlich sott man schon au meh maul...“ oder „ma könnt ja au amaul meh...“, und schon sind die Herren Schmotzer im regen Gedankenaustausch über den kommenden Fischertag. Da es für den Schriftführer sehr schwer ist, zwanzig Leuten gleichzeitig zuzuhören und sich der Oberschmotzer immer nur kurzzeitig Gehör verschaffen kann, ist am Schluss wenig Schriftliches, dafür umso mehr Mündliches vorhanden. Aber der Fischertag ist ja noch weit weg, mindestens noch sechs Monate.
Nach Ostern stellt man wie aus heiterem Himmel plötzlich fest, dass es nur mehr drei Monate bis zum Tag „X“ sind und „dass man langsam ebbes do sott“. Also lädt der Oberschmotzer wieder ein, aber diesmal ins Alte Gemeindehaus, in der Hoffnung, dass mehr gearbeitet und weniger g’schwätzt wird. Gott sei Dank ist einer auf die glorreiche Idee gekommen, eine deftige Brotzeit zu spendieren, damit der Anfang nicht gleich so anstrengend wird. Jetzt geht’s aber los. Hätte nicht der Gege schon längst mit der Ilse in Amerika Kontakt aufgenommen, würde aus dem Tanz sicher nichts. Andererseits: Für die Vorbereitung für einen Bachschmotz reicht die Zeit allemal noch und dafür, dass der I. seine Ratz trägt, der H. seine Schippe schultert und der R. seinen Schubkarren schiebt, braucht’s nun wirklich keine Vorbereitung. Wieder fliegen die Gedanken davon und wieder kommt der Schriftführer mit dem Schreiben nicht mit. Aber der Fischertag ist ja noch weit weg, mindestens noch drei Monate.

Gnadenlos und unaufhaltsam rückt der Fischertag näher. Wieder lädt der Oberschmotzer ein - aber ohne Brotzeit, höchstens mit Bier, nur zur Arbeit, mit Ergebniszwang. Natürlich hat jeder zu Hause schon ernsthafte Gedanken zum Fischertag angestellt, und jetzt sprudeln die Vorschläge nur so heraus. „Z’ viel Technik“ kritisiert der Eine, „z’ viel Wasser“ brummt der Andere, „z’ viel Fahrräder“ mault der Dritte, „z’ wenig Leiterwägen und Schubkarren mit G’lomp“ meint der Vierte, „Schippa braucha mer au no“ erinnert der Fünfte und irgendwann, urplötzlich steht der ganze Umzug. Wie eine solche Sitzung aus seiner Sicht verlief, brachte Gerhard Pfeifer bei seiner Verabschiedung vom Schmotz in einem Gedicht zum Ausdruck:

„ ... Dr Atze zerscht a Thema haut,
dr Gege glei nix Guats dra laut,
dr Reinhard moint, so kehnt ma it,
dr Bauers Fritz ziaht gar it mit!

Jetzt duat dr Wibi ebbes moina,
dr Pille sait, des ka doch koiner,
dr Itzi schittlet ‘s Hira grad,
dr Konrad suacht beim Hans da Raut.

Dr Wiede isch vom Berg grad komma,
sait, ‚s Praktische sei ganz verkomma,
dr Vinzenz appelliert ans Guate,
dr Fritze suacht drweil scho d’Ruate.

Em Konrad wead’s dau bang und bänger,
dr Klausi sait: Er häb da Hänger,
und schaffa mießt ma bald maul me
sonscht sei dr Fischrtag passé.

„Wo isch dr Tschuni“ - fraugt dau oiner,
bloß wo er isch, des woiß me koiner!
„Es Gleiche isch des alle Jauhr“,
sait Thomas, ond rauft se sei Haur.

Dr Martin will was ganz Groß’s macha,
dr Hase fendet’s bloß zum Lacha,
dr Schpecki schreit, es gäb koi Geld
ond außerdem sei schleacht dia Welt.

Jetzt en dem G’schroi, en all dem Graus’
dr Wolfgang holt sei Mondschtuck raus.
Ens Wirrwarr er an Pfudsgerer schmeißt,
daß’s alle halb vom Sessel reißt.

Jetzt isch dr Atze an dr Roih
ond schreit laut: „Aus jetzt mit dem G’schroi!
so gauts doch ganz ond gar it weiter!“
dau wead a jeder plötzlich leiser.

Zom Schluß en Ordnung isch dia Welt,
a jeder woiß, es haut halt gschnellt!
Ma woiß bachnawärts ond bachnauf:
Mir send dr Schmotz ond der raumt auf.“

Jetzt kommt auch noch der Bachschmotz bzw. das Programm im Biwak dran. Schließlich weiß jeder, was Sache ist, schleicht sich mit seiner Arbeit nach Hause und am Fischertag klappt alles. Na also, geht doch, wenn man den nötigen Druck hat!

Endlich beginnt der Fischertag. Eigentlich fängt er schon am Tag vorher an. Einige treffen sich, um in der Grimmelschanze das Biwak aufzubauen und einzurichten. Sehnsüchtig werden die Worte des Büttels „ ... dass moara d’r Fischertag isch“ erwartet und amüsiert die Späße der Stadtgarde verfolgt. Bei „Tante Gertraud“ im „Löa“ klingt der Tag aus und mit mehrfacher, lautstarker Wiederholung des Schmotzliedes wird der Fischertag regelrecht herbei-gesungen.

Dann trifft man sich mit etlichen Ehemaligen und Freunden um 6.00 Uhr im Alten Gemeindehaus zum Frühstück, wo manch einer seine Aufregung nur mühsam unterdrücken kann und seine Weißwürste und Brezen mehr oder weniger hinunterwürgt. Gemeinsam marschiert der ganze Haufen zum Realschulhof. Nach dem Fischen beginnt die große Zeit im Leben eines Schmotzers. Zuerst werden die Orden und Ehrenzeichen angelegt und manche altgediente linke Schulter hängt wegen der vielen Auszeichnungen bedenklich nach unten. Dann trifft man sich im Stadion, hat vielleicht einen vielumjubelten Auftritt, beichtet, nichts gefangen zu haben, und wartet mit Freude und gleichzeitigem Selbstmitleid auf den neuen Fischerkönig, beklatscht die Trachtler, prostet dem Oberfischer zu und schaut, direkt an der Bühne platziert, den Mädchen vom Fischertanz zwangsläufig unter den Rock. Aktivitäten beim Bachschmotz oder im Biwak bestimmen die Nachmittagsstunden, dazu kommen noch Kaffee und Unmengen von Kuchen. Einen weiteren Höhepunkt erlebt der Schmotzer beim Auszug des Fischerkönigs, wenn sich tausende Zuschauer Jahr für Jahr an den Ideen des Schmotz’ erfreuen und mit Beifall begleiten, dass sie nass gespritzt werden. Nach dem Transport der Requisiten zum Stadel klingt mit der Königlich Privilegierten Waschhausvereinigung der anstrengende Tag dort, wo er begonnen hat, aus - im Hof des Alten Gemeindehauses.

Der Tag eins nach dem Fischertag gehört dem Ausruhen von den Anstrengungen des Vortags und der Erholung ..., doch das hatten wir ja schon.

Wenn halt der Arbeitslohn etwas höher ausfiele, ließe sich ja ganz gut als Schmotzer leben, aber so...