Der Schmotz 1901-1949
Der Schmotz von 1901 bis 1949
Bild: Der Schmotz 1901-1949
 

Der Schmotz von 1901 bis 1949

Die Organisatoren des großen Fischertags von 1900 wollten nach eigener Aussage „etwas Bleibendes“ schaffen, was ihnen mit der Durchführung der jährlichen Fischertage nachweislich bis heute gelungen ist. Außerdem sollte alle fünf Jahre ein großer Fischertag veranstaltet werden, was bis 1975 der Fall war, aber kriegsbedingt oder aus anderen Gründen nicht durchgehend.

Im Vereinsarchiv schlug sich dieses Vorhaben in einer ausreichenden Quellenlage zu den großen Fischertagen und in einer eher dürftigen in den Jahren dazwischen nieder. Somit finden wir auch über den Schmotz in den entsprechenden Festschriften erklärende oder auch amüsante Darstellungen, wohingegen wir aus den dazwischen liegenden Jahren keine Informationen bekommen. Daher, und weil an den normalen Fischertagen wohl keine Umzüge stattfanden, liegt die Vermutung nahe, dass keine feste Gruppe existierte, sondern der Schmotz sich zu den großen Fischertagen jeweils spontan bildete und neu zusammensetzte. Im Weiteren erfolgt deshalb nur eine Zusammenstellung einiger, z. T. ähnlicher Texte aus den verschiedenen Festschriften.

Anzunehmen ist, dass der Schmotz mit seinem Verantwortlichen, Schrannenmeister Ammann, im Festzug von 1905 sicher nicht nur bei der Bevölkerung Gefallen fand, sondern auch die Aufmerksamkeit Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Ludwig von Bayern auf sich lenkte.

In der Festausgabe der Memminger Zeitung lesen wir:
„Am Samstag nach dem Fischertag dem sogenannten Schmotzsamstag, begann das Reinigen des Baches vom ‚Schmotz’ durch eine Reihe von Stadtarbeitern, auf die infolge der schmutzigen Arbeit die Bezeichnung Schmotz unmittelbar übertragen wurde; der Leiter der Arbeiten hieß ‚Oberschmotz’. Mit Schippen schoben sie den Schlamm zusammen, um ihn zu entfernen, und wurden und werden noch wegen ihres unsauberen Geschäftes allgemein mit derben Worten verspottet.“ In der Festzeitung erfahren wir von Julius Miedel: „Und wie der Regen zum Gewitter als Säuberer der Luft, so gehört der Schmotz zum Fischertag als Säuberer des Stadtbachs. Darum bildet das Schwanzstück des Zuges der Schmotz mit seinen Gesellen, wie der Volkswitz mit Übertragung dessen, was bei der Bachreinigung herausgeschafft wird, auf die, welche es herausschaffen, die Reinigungsarbeiter benamsete. Allerdings darf er im Zug nur im ‚Sunntighäß’ gehen, weil er im ‚Werftighäß’, nach welchem er von dem bekannten Spottruf charakterisiert wird, doch gar zu wenig appetitlich wäre. Alle tragen samt ihrem Führer ihre Schlammschippen über der Schulter, mit denen sie, wie man ihnen nachsagte, das Wasser wieder in den Bach hereinschieben müssen. Den Schmutz heraus, frisch Wasser herein, auf dass die Forellen aufs neue gedeihn.“
 
Bild: Der Schmotz 1901-1949
 

Beim nächsten großen Fischertag, der um ein Jahr verschoben wurde und erst 1911 stattfand, hieß es in der Festschrift nur kurz: „Den Beschluß des Zuges bildet herkömmlicherweise der Schmotz, das sind die Bach-
räumer mit ihren großen Hippen unter der Führung des Oberschmotz, eine Benennung, die in eigentümlicher Weise von dem, was sie zu entfernen hatten, übertragen wurde auf die Personen, die das unsaubere Geschäft besorgen mussten.“ Ein Vorstandsprotokoll nennt uns den „Gruppenführer Rommel“. Wegen des Ersten Weltkriegs und der anschließenden schlechten Wirtschaftslage mussten die Memminger bis 1925 auf den nächsten großen Fischertag warten und wir müssen uns gedulden, bis wir auf die nächsten Hinweise zum Schmotz stoßen.
In den Vorstandsprotokollen erfahren wir von einem
„Gruppenführer Hornung“ und „Schmotzgruppe - 14 Mann - Kostüme sind vorhanden“. Ein Dr. Ludwig König - sein Name muss hier angeprangert werden - brachte es in einem Artikel über den Fischertag im Memminger Volksblatt vom 24.8.1925 doch tatsächlich fertig, alle heimatgeschichtlichen Gruppen aufzuzählen, ohne den Schmotz zu nennen.

Ganz anders wurde in der Festschrift „Höh Bathlamöh“ verfahren, wo dem Schmotz ein umfangreicher Abschnitt gewidmet wurde: „Nun aber kommt als Ende des Zuges eine Gruppe von Leuten, die für den Fischertag im besonderen so nötig sind, wie der Memminger Mau für die ganze Welt im allgemeinen: der Schmotz. Es sind das die Bachausräumer, die nach Beendigung der Fischerei aus dem Bachbett herauszuholen haben, was aller Fischähnlichkeit entbehrt, aber doch einen gut schwäbischen Namen führt. Und eben dieser Name ist auch als unveräußerliches Erbteil an die übergegangen, die sich pflichtgemäß damit befassen müssen. Freilich, im Zuge kommen die Schmotzleute fein aufgeputzt daher und der Oberschmotz kanns an Vornehmheit und Pracht mit gar manchem aufnehmen, der mit dem ‚Bachdreck’ nichts zu tun hat.

Alle, Mann für Mann, tragen ein sonderlich Gerät über der Schulter: die ‚Krucke’. Dieselbe dient jedoch nicht, wie allerhand böse Leute sagen, dazu, das Wasser wieder in den Bach herein zu schieben, sondern sie hat eben den gleichen schmotzigen Zweck wie der ganze Schmotz. Dieweil das Glück im allgemeinen und das Fischerglück im besonderen seine Mucken und Launen hat, kommt es vor, dass der Schmotz aus Schlamm und Unrat die schönste und größte Forelle holt und doch nie Fischerkönig wird. Um dies Unrecht nun aller Welt kund zu tun, wird der Schmotz heuer ‚seinen’ Fisch im Zuge mit sich tragen, und ganz Memmingen mag entscheiden, obs mit rechten Dingen zugeht, wenn so etwas möglich ist! Auf jeden Fall werden viele derer, die am Vormittag gefischt und nichts gefangen haben, vor Neid platzen und sich vornehmen, unter allen Umständen den Rekord zu schlagen im nächsten Jahr und am nächsten Fischertag.“ Ob einige Fischer vor Neid geplatzt sind, ist nicht überliefert, aber interessant ist, dass sich der Schmotz schon damals die eine oder andere Idee für den Umzug einfallen ließ.

Die Memminger Zeitung in ihrer Ausgabe vom 27.8 1925 berichtete nicht nur über den Schmotz, sondern druckte erfreulicherweise auch ein Schmotzlied ab, dessen Melodie leider nicht bekannt ist: „Als Schluß des langen Zuges folgte der von einem Memminger Fischertag unzertrennliche Schmotz, d.h. die ehrsame Gilde der Bachausräumer, die doch eigentlich nichts dafür können, dass ihr Reinigungshandwerk mit so viel Schmotz und Dreck verbunden. Jedenfalls aber ist es ein lustig Handwerk, das zeigt sich auch hier. Sie tragen eine Riesenforelle mit sich, deren Gewicht acht Träger erfordert, und singen aus voller Brust das berühmte Schmotzlied, dessen herrlicher Text eine wahre Fundgrube für einen Germanisten bildet. ... Während des Festzugs wurden auch zwei Lieder gesungen. So ein Maulied und ein Schmotzlied, die wir nachstehend veröffentlichen:
 
 

Das Schmotzlied

Schmotz, Schmotz, Dreck auf Dreck,
Schellakönig, wüaschta Sau,
Dreck, Dreck, Kachlscherba,
Hafadeckl, alte Hiat,
Dreck, Dreck, Heringskanta,
Katza, Mäus ond Ratzaschwänz,
A verrissas Reagadächle
Ham’mer rausgfischt us am Bächle.
Alles ham’mer, lass dr saga
Uf da Magischtrat nauf traga
Und der schickt des Zuig dann glei
Weiter zu der Polizei.
D’ Polizei, dia isch ganz weg,
Kümmert sich um jeden Dreck!
Rad, Rad, ohne Brems
Haust d’r scho da grind verrent.
Schmotz, Schmotz, Dreck auf Dreck,
Schellakönig, wüaschta Sau.
Schmotz, Schmotz, schwitzt im Eifer,
Sauft glei wia a Scheraschleifer.
Sauft glei, dass im Bach anfang
D’Binsa wachset ellalang.
Schmotz, Schmotz, Dreck auf Dreck,
Schellakönig, wüaschta Sau,
Dreck , Dreck ond an Fisch
Ham’mer heut im Bach verwischt,
hinter uns da tragt man her,
Isch a Trumm als wia a Bäär.
Schmotz, Schmotz, Dreck auf Dreck,
Schellakönig, wüaschta Sau.“


In einem anderen Artikel hieß es wohltuend:
„Den Schluss bildete die ulkige Schmotzgruppe, d.h. die ehrsame Gilde der Bachausräumer.“

Von einem unbekannten Verfasser war noch ein „Fischertagslied“ auf die Melodie „Wohlauf die Luft geht frisch und rein ...“ abgedruckt, dessen vierte Strophe netterweise ganz dem Schmotz gewidmet war:

„Ein Dankeswort
noch unserm Schmotz,
Der alle Jahre wieder
Mit einem starken Aufgebot
Steigt in den Stadtbach nieder.
Doch möcht’ sein rosig Erdenlos
Nicht jeder mit ihm teilen.
Er sorgt, dass uns’re Fischer bloß
Im Dreck nicht stecken bleiben.“


Von nun an werden die Informationen über den Fischertag im Vereinsarchiv immer weniger und über den Schmotz selber existieren keine Hinweise. Sogar zum großen Fischertag 1930 wurde nur eine dürftige Festschrift erstellt, die in der Aufzählung des Festzugs den Schmotz lediglich mit „die Gruppe der Bachausräumer, die nach dem Fischen ihr Werk zu beginnen hatte“ erwähnte.

In einem kurzen Satz in der Zeitung erfahren wir wenig Schmeichelhaftes über den Schmotz: „Dann kommt ein lärmendes Korps, der Oberschmotz mit seinen durstigen Gesellen, die ganz putzig aussehen.“ Und im Schwäbisch-bayerischen Landboten lesen wir auch nur Bekanntes:
„Und ganz zum Schluß kommt, wie bei allen großen Fischertagen der Schmotz, das ist die Gruppe der Bachausräumer, die nach dem Fischen jeweils ihr Werk zu beginnen hat.“

Mehr Aussagen über den Schmotz der nächsten Jahre
liegen nicht vor, denn nach Zeitungsberichten fand in den Jahren 1937 und 1938 jeweils nur ein sehr kleiner abendlicher Auszug des Fischerkönigs statt, aber ohne Beteiligung des Schmotz‘.

Bei einer anderen Gelegenheit wurde der Schmotz jedoch noch erwähnt. Im Fasching 1937 sollte Memmingen von einer Augsburger Truppe erobert und der Mau entführt, beides jedoch von den Memmingern verhindert werden. Die Regieanweisungen legten die Eroberung im Detail fest. Zunächst sollte sich der Schmotz beim Barrikadenbau nur als Reserve bereit halten. Doch als die Barrikaden am Weinmarkt, am Roßmarkt und in der Herrenstraße überwunden waren, bekam er noch eine entscheidende Rolle zugesprochen: „Die Augsburger stellen sich zum feierlichen Einzug auf den Markt auf, währenddem erscheint aus einer Marktecke wieder der Mau, diesmal umringt vom Schmotz; die Augsburger beginnen den letzten großen Sturm, um den Schmotz zu vertreiben, möglichst mit Mädchen. Wenn die Mädchen vorrücken, setzt die Musik mit einem Walzer ein und da können sich die Schmotzleute nicht halten und fangen mit den Mädchen zu tanzen an.“ Damit war die Niederlage der Stadt besiegelt.
Zugunsten einiger weiblicher Schönheiten ließen die sonst so rauen Schmotzer den Memminger Mau schmählich im Stich. Schande über den Schmotz!

Da in den folgenden Jahren der Kriegs- und Nachkriegszeit kein großer Fischertag, in den Jahren 1944 bis 1947 nicht einmal ein kleiner Fischertag stattfand, gibt es auch über den Schmotz nichts zu berichten.