Der Schmotz im 19. Jahrhundert
Der Schmotz vor der Gründung des Fischertagsvereins
Bild: Der Schmotz im 19. Jahrhundert
 

Der Schmotz vor der Gründung des Fischertagsvereins

Nachdem anscheinend das öffentliche Interesse am Fischertag in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts merklich nachgelassen hatte, besannen sich einige namentlich nicht genannte Bürger darauf, den Fischertag durch ein größeres Fest wieder aufzuwerten. Ein Anstoß dazu war wohl auch das Ulmer Münsterfest von 1877.

So kam es also im Jahre 1878 zum vermutlich ersten großen Fischertag. Sowohl durch das handschriftlich vor-
handene, in Versform verfasste Programm eines unbekannten Chronisten als auch durch eine hübsche, detailgetreue Darstellung eines ebenfalls unbekannten Zeichners geht hervor, dass der Schmotz an diesem Festzug bereits beteiligt war. Der Chronist schreibt:

„Wer ist wohl jene düstre Schar,
den breiten Hut tief in dem Haar?
Es ist der Schmotz, der Ehrenmann,
mit seinen Treuen hintendran.
Sie sind’s, die jährlich kühn und keck,
wegschaffen aus dem Bach den Dreck.
Drum laßt uns loben immerdar
den Schmotz und seine edle Schar.“


Gerade die beiden letzten Zeilen sind natürlich Honig auf den Lippen eines Schmotzers.

Auch im nächsten Jahr erfahren wir etwas über den Schmotz. Ein ebenfalls unbekannter Chronist beschrieb den Festzug wie folgt: „Der Schmotz samt Hofstaat.
Seht sie an, diese geschürzten, hochgestiefelten
Gestalten. Sie wühlen fürs Vaterland im Dreck.
Todesmutig sinken sie 3 Fuß tief in den Morast ein und rühren in des Stadtbachs kühlem Grunde, schweißtriefend mit ihren Krucken in dem wüasta Zuig umanand, so lange, bis sie dem Strome wieder ein reines Bett bereitet haben. Aus ihren durstigen Kehlen erschallt fleißig der Sängergruß: ‚Schmotz, Schmotz, Dreck auf Dreck, Schellakönig, wüaschta Sau’.“

Auf dem köstlichen Bild von 1882 ist der Schmotz wiederum vertreten, wobei mit dem Begriff „Schmotz“ nur der vornehm gekleidete Anführer der Gruppe gemeint war, während die Gruppenmitglieder - im Aussehen oben beschrieben - als Werkhäusler bezeichnet wurden.
(siehe Bild)
 
Bild: Der Schmotz im 19. Jahrhundert
 

Nachdem die bisherigen Festzüge das Wohlwollen des Stadtmagistrats gefunden hatten - dieser musste jeweils die Genehmigung erteilen -, ist es sehr verwunderlich, dass dieses Wohlwollen nun, was den Schmotz betraf, entzogen wurde. Der Anlass dazu ist nicht bekannt, wir lesen im Magistratsprotokoll vom 8. August 1884 lediglich: „An das Comité für Veranstaltung eines Festzuges am Fischertage, Herrn Johannes Ammann / hier. Im Hinblick auf Art. 4 des Vereinsgesetzes vom 26. Febr. 1850 wird Ihnen hiermit die durch die Vorlage des Festzugsprogramms erbetene distriktspolizeiliche Erlaubnis zur Veranstaltung eines öffentlichen Aufzugs in hiesiger Stadt am 27. Aug. curr. (= currentis = des laufenden Monats oder Jahres, d. Verf.) am Fischertage unter dem Vorbehalte ertheilt, daß die unter Ziffer 17 vorgelegten
Programms enthaltene Abtheilung des Festzuges /:der Schmotz sammt Hofstaat:/ nicht zur Ausführung kommen darf, weil sich diese Abtheilung zu einer behördlichen Genehmigung nicht eignet. Wir machen die Herren Unternehmer hiernach dafür verantwortlich, dass diese Abtheilung für welche die behördliche Erlaubnis hiermit ausdrücklich verweigert wird, nicht zur Ausführung kommt.“ Vier Tage später wurde noch ein Hinweis nachgeschoben: „Mit 12 Beilagen gegen Wert an die Polizeimannschaft zur Kenntnisnahme und Vollzugscontrolle. Im Zuwiderhdlgs. Falle ist Strafanzeige zu erstatten.“ Da der Schmotz auf der Zeichnung des Festzugs in diesem Jahr fehlt, wurde diese Anweisung offensichtlich strikt befolgt.

Beim nächsten großen Fischertag 1891 schien es sich der Magistrat wieder anders überlegt zu haben, denn er genehmigte die Zugfolge mit Beteiligung des Schmotzes, so dass die Memminger Zeitung berichten konnte:
„Den Schluß des Festzugs bildete der ‚Schmotz mit Gefolge’, eine Garde mit schalkhaften Werkzeugen,
die aber mit Laubwerk bekränzt waren zum beruhigenden Zeichen dafür, dass sie nicht gleich zu fegen anfangen wollten in unseren Straßen, Gassen und Gässelchen, ...“. Wie diese „schalkhaften Werkzeuge“ aussahen, zeigt das nebenstehende Bild.

 
 

Der durchschlagende Erfolg dieses Fischertags spornte die Herren des Comités im Jahr 1900 zu noch größeren Aktivitäten an. Die ausführlichen Protokolle der verschiedenen Organisationsteams, die im Vereinsarchiv lückenlos vorhanden sind, und andere Quellen, wie die Zeitungen, geben uns nicht nur einen Einblick in die vielfältigen Vorarbeiten, sondern sie teilen uns auch die Namen der Verantwortlichen und vieler Mitwirkenden mit. So erfahren wir durch die Augsburger Zeitung vom 30.8.1900, dass der „Schrannenmeister Ammann“ für den Schmotz zuständig war. Im Protokoll des Aktions-Comités wird am 13.Juni festgehalten: „Schmotz-Gruppe: Gruppenführer Ammann teilt mit, dass er bereits 1 Schmotz (Bilgram Gg.) u. 18 Personen im Alter von 21 bis 30 Jahren hierzu engagiert habe u. übernimmt der Gruppenführer die vollst. Bekleidung und Kränze um die Krücken, während die nothwendigen 18 Krücken zu stellen Adler übernimmt.“ Also war ein „Gg. Bilgram“ - nach heutiger Terminologie - der erste uns namentlich bekannte Oberschmotzer. Weiterhin erfahren wir im Protokoll vom 25.7.1900: „Schmotz-Gruppe: soll dem Gedanken noch näher getreten werden, diesesmal diese Gruppe zu costümieren, deren Kosten sich auf ca. 120 Mk. belaufen dürften und wird Kerler bis zu einer der nächsten Sitzungen Muster einer Kopfbedeckung vorlegen.“

Alle Veröffentlichungen zu diesem Fischertag, egal ob Festschrift, Zeitungsartikel oder Beilagen, lassen die große Begeisterung an diesem grandiosen Fest spüren. In einem Willkommensgruß für alle Gäste begann Hugo Maser mit einer Ode auf den Fischertag:

„Endlich bist du doch gekommen,
Lieber, alter Fischertag!
Sei aufs neue uns willkommen
Mit des Herzens wärmstem Schlag!“


und widmet am Schluss des Gedichts dem Schmotz - obwohl den anderen Gruppen nur ein bis drei Zeilen zugestanden werden - fast eine ganze Strophe:

„Wenn die Wellen dann verrauschen,
Kommt der ‚Schmotz’ als flotter Schluß;
Seine Töne zu belauschen,
Ist dem Ohre Hochgenuß!
Bringt er uns das Wasser wieder,
Hat das Fischlein dann sein Nest;
Und es schallen neue Lieder
Froh beim nächsten Fischerfest!“

 
Bild: Der Schmotz im 19. Jahrhundert
 

In der liebevoll gestalteten Festschrift beschrieb J.M.
(vermutlich Julius Miedel) die im Festzug auftretenden Gruppen und fand für den Schmotz die folgenden Worte: „Ist der Stadtbach ausgefischt, so wird er auch ausgeputzt. Das ist saure Arbeit und auf den, der sie ausführt, hat der Volkswitz die Bezeichnung dessen übertragen, was herausgeräumt wird; es ist der Schmotz mit seinen Gehilfen. Hier freilich erscheint er im Feiertagsgewand und verdient kaum die wenig schmeichelhaften Worte, die man ihm sonst nachzurufen pflegt. Besonders der Oberschmotz ist gar fürnehm ausgestattet mit Dreispitz und Stock, samtener Hose und blumiger Weste; er muß seine krückenbewehrten Mannen aneifern, dass sie ihre unsaubere Pflicht richtig erfüllen und das Bachwasser bald ‚wiederbringen’, auf dass im gereinigten Bett die neuen Forellen gut wachsen und gedeihen für’s nächste Jahr!“ Diese Quelle ist die erste, die den Begriff „Oberschmotz“ verwendet.

In der Presse fand der Fischertag ein großes Echo, auch überregional. So wurde er in der Frankfurter Zeitung lobend und mit großer Bewunderung erwähnt, und die Münchner Neuesten Nachrichten beschrieben den Festzug sogar in einem mehrspaltigen Artikel. Über den Schmotz lesen wir dort in Anlehnung an den Miedelschen Text: „Dem Fischen folgt die Bachauskehr und denen, die dieses Geschäft besorgen, hat der Volkswitz nach der Bezeichnung dessen, was sie zu Tage fördern, den Namen ‚Schmotz’ beigelegt. Die Herren vom Schmotz tragen eine Schlegelkappe, eine braune Jacke, Kniehose mit Strümpfen und Schuhen, dazu ein ledernes Schurzfell und als Zeichen ihrer Thätigkeit hölzerne Scharren an langen Stielen. Der ‚Oberschmotz’ aber ist gar fürnehm ausgestattet mit Dreispitz und Stock, sammtener Hose und blumiger Weste, und auf sein Kommando läßt die Mannschaft ein nicht salonfähiges, aber recht lustiges Liedlein erschallen, das vom Aufschlagen der Reinigungsinstrumente begleitet wird.“ Hier wurden nicht nur detaillierte und aufschlussreiche Angaben zur Kleidung des Schmotz gemacht und seine Sangesfreude erwähnt , sondern die sonst übel beleumundeten Gesellen erfuhren eine Aufwertung, indem sie als „Herren“ bezeichnet wurden.

Ein E.W. schrieb in einer Extra-Beilage zur Memminger Zeitung unter der Überschrift: „Der diesjährige Memminger Fischertag, welchen Eindruck die Festveranstaltungen zu demselben auf einen Landbewohner der Umgebung gemacht haben“ über den Schmotz:

„Daß von de Schmotz ich sag zum Schluß,
Sie seiet gwest au glunge.
‚s Kindergschroi hauts braucht it drus,
Wenn’ s’ hand ihr Liedle gsunge.“


Ein humanistisch Gebildeter und dichterisch Begabter schrieb unter „Post Festum“ in der selben Beilage in wohlgesetzten Versen:

„Aber Du, o Schmotz, Du dunkler,
Walte, walte Deines Amtes!
Kehre wacker! Schaufle tüchtig
Aus des Baches dreckig Bette,
Daß es bald, recht bald, o Schmotz Du,
Für Forellennachwuchseinwurf
Wohl bereitet sei und reinlich!“


Weiter unten erwähnte er den Schmotz noch einmal:

„Und es steigt die Festtagsfreude,
Und der Schmotz steht in Parade,
Salutieret, sammelt Beitrag,
Um der Gurgeln trocken Bachbett
Mit der Feuchte zu versehen,
Die ein echter Schmotz so gern hat.“


Man sieht, die Arbeit, die der Schmotz zu verrichten hatte, brachte großen Durst mit sich, und diesen Durst zu beseitigen war schon damals ein angenehmes Unterfangen. Zum Schluss wünschte noch ein begeisterter Ulmer Fischertagsbesucher:

„Und d’r Schmotz, mit Spruch und Gsang,
D’ Leut’ erfreu’ noch jahrelang
An deam Tag z’ Memminga ...“


Mehrfach war von einem Gesang des Schmotz’ die Rede, doch nirgendwo tauchte ein Hinweis auf den
Text eines Liedes auf. Entweder wurde nur unser herkömmliches „Schmotz, Schmotz, ...“ gesungen oder vielleicht das Lied, dessen Text erst im Jahr 1925 in der Memminger Zeitung erwähnt wurde.
(siehe "Der Schmotz von 1901 bis 1949")